Wrobel, Johannes: Über 100 Jahre Jehovas Zeugen in Deutschland. Eine Retrospektive in Siebenmeilen-Stiefeln, in: Arno Huth: Lila Winkel - Geschichten eines bemerkenswerten Widerstandes. Zeugen und Zeuginnen Jehovas waren während der NS-Zeit Gläubige, Kriegsdienstverweigerer, KZ-Häftlinge. Zusammengestellt von Arno Huth, KZ-Gedenkstätte Neckarelz, [Begleitheft zur Ausstellung im Dezember 2003] [DDB 2004], S. 3-7.


Über 100 Jahre Jehovas Zeugen in Deutschland

Eine Retrospektive in Siebenmeilen-Stiefeln
von Johannes Wrobel (Jehovas Zeugen, Geschichtsarchiv)

Seit den 1890er Jahren gibt es Zeugen Jehovas in Deutschland, vor 1931 nannte sich die christliche Religionsgemeinschaft "Internationale Bibelforscher-Vereinigung". Sie nahm in Allegheny (USA) ihren Anfang als sich in den 1870er Jahren eine Gruppe Bibelforscher um Charles Taze Russell (1852–1916) sammelte, die in der Heiligen Schrift entdeckte, daß gemäß "Gottes Plan" für wahre Christen die Zeit gekommen sei, heidnische Traditionen abzulegen, das Urchristentum wiederherzustellen und das "Licht der Wahrheit" immer heller leuchten zu lassen. Sie glaubten, daß sie mitten in Christi zweiter (unsichtbarer) "Gegenwart" oder Parusie lebten und das von ihm prophezeite "Ende" der Menschenherrschaft und der Anbruch der gerechten "Königreichsherrschaft" (Millennium Christi) gekommen sei, wobei gemäß der biblischen Chronologie das Jahr 1914 eine Schlüsselrolle spiele. Die Bibelforscher nahmen das Vaterunser wörtlich: Das 'Reich Gottes komme' buchstäblich, damit sein 'Name (Jehova) geheiligt werde' und Gottes 'Wille auf Erden geschehe'. Auch Gottes Gebot "Du sollst nicht töten" nahmen sie wörtlich und weigerten sich im Weltkrieg, auf Menschen zu schießen, was Militärstellen veranlaßte, ihre Versammlungslokale in Berlin polizeilich schließen zu lassen. Das kaiserliche Kriegsministerium bat kirchliche Stellen um Informationen, die daraufhin "die gefährliche Tätigkeit dieser Sekte" zu beobachten begannen und Anfang der 1920er Jahre die Vorläufer der "Sektenreferate" gründeten.

Die "Ernsten Bibelforscher" unterschieden sich von den etablierten Kirchen durch großen Missionseifer, die Naherwartung des "Reiches Gottes" auf Erden und den unbefangenen Gebrauch des Eigennames Gottes Jehova (Jahwe) und lehnten kirchliche Spätlehren, wie die Dreifaltigkeit, die Unsterblichkeit der Seele (die biblische "Seele" ist der Mensch selbst), Kindertaufe, Bilderverehrung, Beichte und anderes als unbiblische Traditionen ab. Russell wollte die "neugelernten Wahrheiten" mittels kostenloser Traktate und preiswerter Bücher überall und in vielen Sprachen verbreiten und gründete 1884 in Allegheny den religiösen Verlag Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft (Watch Tower Bibel and Tract Society), deren erster Präsident er wurde. Nach Russells Tod übernahm Joseph F. Rutherford (1869 –1942) als zweiter Watch-Tower-Präsident die Führung. Da sich die Bibelforschergruppe als wahre Nachfolger Jesu und moderne Fortsetzung der christlichen Urkirche verstanden, benutzten sie den religiösen Verlag als Namen und "Aushängeschild" sowie die Zeitschrift "Wachtturm" (Watchtower; engl. seit 1879, deutsch seit 1897) als Sprachrohr. Schriftleiter und Entscheidungsträger des Werkes war jeweils der Watch-Tower-Präsident, die Mitautoren und Vorstandsmitglieder gehörten zum engsten Führungskern, den man heute als "leitende Körperschaft" der Zeugen Jehovas bezeichnet. Seit 1972 haben in den Ortsgemeinden Ältestenschaften und seit 1976 in der zentralen Landesleitung ein "Zweigkomitee" die geistliche Aufsicht.

In Elberfeld (1902–1908), Barmen (1909–1923) und Magdeburg (1923–1933, 1945–1950) bestanden Zweigbüros der Wachtturm-Gesellschaft als Sitz der Bibelforscher-Vereinigung. Zur Unterstützung von Gruppen (Gemeinden) wurden "Pilgerbrüder" (heute "Kreisaufseher") als öffentliche Vortragsredner der Wachtturm-Gesellschaft ausgesandt. Ab 1905 reiste Landesleiter Otto Koetitz (1873–1916) selbst, ab 1910 unterstützte ihn Hermann Herkendell (1889–1926) als ständiger "Pilgerbruder". Von 1921 an reisten sechs, ab 1922 zwölf Älteste oder "Pilgrim" als Vortragsredner, wobei jede Gemeinde im Land berücksichtigt werden sollte. Seit 1881 gibt es "Kolporteure" oder hauptamtliche Vollzeitverkündiger (heute "Pioniere" genannt), die Wachtturm-Literatur kostenfrei oder gegen geringe Beiträge abgaben. Gab es 1911 nur 10 bis 12 Kolporteure (600 in den USA), so stieg die Zahl in den Jahren 1922 auf 20 und 1924 auf 123, um 1925 den Höchststand von 240 Kolporteuren zu erreichen (danach dienten viele im Ausland). Die Nachkriegszeit begann mit sieben "Pionieren" (1946). Im Jahre 1950 gab es bereits über 1.700 und im Jahre 2002 weit über 10.000Vollzeitprediger der Zeugen Jehovas in Deutschland. Seit 1951 können deutsche Vollzeitprediger die Wachtturm-Bibelschule Gilead für Missionare (im Auslandseinsatz) besuchen.

Die erste Literatur der Wachtturm-Gesellschaft in Deutsch erschien 1885. Meyers Konversationslexikon schrieb 1906: "Sie treiben auf dem Kontinent eine rege Propaganda durch die 'Wachtturm-Bibel- und Traktat-Gesellschaft' in Elberfeld […]. 1905 wurden 21 Mill. Traktatseiten verbreitet, dazu 6.229 Bände." Die "Millennium-Tagesanbruch-Serie" (deutsch, 1888 bis 1919) wurde von 1905 an "Schriftstudien" genannt und erschien insgesamt in sieben Bänden. Die Bibelforscher wurden durch die Verbreitung von Millionen ihrer Zeitschriften, Bücher, Broschüren und kostenlosen Traktate schon vor dem ersten Weltkrieg bekannt. Ab 1914 kamen spektakuläre Vorführungen des "Photo-Dramas der Schöpfung" vor überfüllten Häusern und begeisterten Zuschauern in Berlin, Düsseldorf, Essen und anderen Städten hinzu. Die kostenlose Vorführung führte mittels Bild und Ton (Lichtbilder und Filme synchronisiert mit Musikplatten und Phonographsprechplatten) durch die Bibel, von der Schöpfung zur Geschichte Israels und dann zu Jesus Christus und schließlich visionär zu seiner verheißenen 1.000jährigen Friedensherrschaft (Millennium) – die Zuschauer waren gerührt und begeistert.

Das Konversationslexikon von 1906 gab korrekt wieder, was die Bibelforscher für 1914 erwarteten: "Ihre in dem von Russell verfaßten 'Millenniumstagesanbruch' […] niedergelegte Glaubensanschauung gipfelt in einer Berechnung der Zeitalter, die für das Jahr 1914 das Tausendjährige Reich erwartet. In der gegenwärtigen ‚Erntezeit‘ werden die Auserwählten gesammelt, die Gottlosen werden später vernichtet." Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, bestätigte dies die biblische Erwartung eines "großen Krieges", der die Welt erschüttern und dem Millennium Christi vorausgehen sollte (Matthäus 24,7 f.). Da aber ihre neutestamentliche "Entrückung" in den Himmel nicht wie erhofft erfolgte, wandten sich viele Enttäuschte ab. Die Getreuen erkannten später, daß die Parusie Christi mit dem bedeutsamen Jahr 1914 nicht endete, sondern dieser Zeitabschnitt erst begann – somit lag der weltweite Feldzug zur Bekanntmachung des "Reiches Gottes" und Millenniums Christi (Matthäus 24,14) vor dem angekündigten "Ende" nicht hinter, sondern vor ihnen.

Die Bibelforscher bekundeten 1919 ihre Entschlossenheit, die Evangelisation um ein Vielfaches zu verstärken. Im Jahre 1922 begann das Zweigbüro in Barmen, die bibelerklärende Literatur selbst zu drucken (das Hauptbüro, das 1909 von Allegheny nach Brooklyn, N.Y. umgezogen war, begann damit 1920), doch Drucken in großem Stil konnte man erst mit der Errichtung einer modernen Druckerei in Magdeburg, wo man 1924 und 1928 große Rotationsmaschinen für Zeitschriftendruck aufstellte. Gut organisierte "Hauptversammlungen" oder Bibelforscher-Kongresse mit 2.500 (1922), 3 000 (1923), 6 000 (1924), 15.000 (1925, 1926 und 1927) und 12.000 (1929) Delegierten erregten öffentliche Aufmerksamkeit. Die magazinähnliche, preiswerte neue Zeitschrift "Das Goldene Zeitalter" (heute Erwachet!) war reich illustriert und wegen ihrer Artikel aus allen Wissensgebieten unter vielen Bürgern beliebt. Ihre Gegner maßen die Stärke der "Bibelforscherbewegung" vor allem an den hohen Auflagen des "Goldenen Zeitalters", das mit einer Auflagenhöhe von nur 35.000 Exemplaren in Barmen 1922 gestartet war und Anfang Juni 1933, kurz vor dem Verbot, über 430.000 Magdeburger Ausgaben erreichte.

Die Tabelle vermittelt einen Eindruck vom Wachstum der Gemeinschaft. Es gab keine eingetragenen Mitglieder, man zählte zum Beispiel solche, die am jährlichen Gedächtnismahl (Abendmahl des Herrn) teilnahmen. Die Berichte waren allerdings nicht vollständig, und weniger als die Hälfte beteiligten sich vor 1921 aktiv am Verkündigungswerk. Das änderte sich etwa ab 1922 – jeder Bibelforscher war jetzt ein "Königreichsverkündiger", der biblische Wachtturm-Schriften verbreitete.

Teilnehmer am Gedächtnismahl (Mindestzahlen)

 

1912

1914

1919

1924

1927

1932

1933

Deutsche (insgesamt)

800

1.440

3.450

14.134

24.138

23.820

24.843

weltweit

-

-

17.961

65.132

88.544

81.778

84.179

Das enorme Wachstum, das bis 1927 anhielt, und ihre vielfach als provozierend empfundenen, gegen den Klerus gerichteten Schriften erzeugten viel Gegendruck von kirchlichen und politische Kräften. Zahllose Abwehrschriften gegen die Bibelforscher entstanden in den 1920er Jahren. Eine für Antisemiten typische Abhandlung trug die Überschrift: "Die Sekte der Internationalen Ernsten Bibelforscher als Werkzeug des jüdischen Weltverschwörungssystems" (1928). Über 4.000 Gerichtsfälle gegen Bibelforscher wurden wegen "unbefugten Hausierens" oder "Störung der Sonntagsruhe" angestrengt, bis diese Waffe stumpf wurde. Zwischen 1928 und 1932 ging die Zahl der Gläubigen zurück, was wohl eine Folge der enttäuschten Erwartungen vieler in Verbindung mit dem Jubeljahr 1925 war, ähnlich wie 1914 (und später mit 1975). Etliche hatten sich vom Ende der alten bösen Welt und dem Anbruch einer sorgenfreien neuen Welt persönliche Vorteile versprochen. Etliche mußten sich nach 1914 und 1925 (ähnlich 1975) eine neue Existenz aufbauen, was sie voller Gottvertrauen und ohne Murren taten, andere aber wurden inaktiv oder wandten sich ganz ab.

Im April 1933 – kurz nach der "Machtergreifung" Hitlers – wurde eine neue Höchstzahl erreicht – 25.028 Zeugen Jehovas im Deutschen Reich und im Saargebiet nahmen am Gedächtnismahl teil. Zusätzlich werden sich einige Tausend Menschen am Rande der Gemeinschaft bewegt haben, doch unberücksichtigt bleiben hier Hundertausende, die zu den gelegentlichen Lesern der Wachtturm-Schriften zu rechnen sind. Die Talsohle im Wachstum war 1932/1933 überwunden und die Stimme der Zeugen Jehovas – jede Gemeinde hatte 1931 der Annahme des neuen Namens zugestimmt – war stark wie nie zuvor! Als ab April 1933 Mecklenburg-Schwerin, Bayern, Sachsen, Hessen und andere deutsche Länder begannen, die Bibelforschertätigkeit zu verbieten, waren Jehovas Zeugen entschlossen, für die Religionsfreiheit mit juristischen Mitteln zu kämpfen.

Die Glaubensgemeinschaft ging wie in den 1920er Jahren davon aus, daß hinter den lokalen Verboten indirekt der Klerus und Antisemiten steckten, die die Behörden falsch über diese "Sekte" informiert und sie als "staatsgefährlich" denunziert hatten. (Tatsächlich kamen, wie Historiker nachweisen, staatliche und kirchlich Stellen 1933 in Berlin zusammen, um über ein Verbot der Zeugen Jehovas zu beraten.) Ein eilig einberufener Kongreß am 25. Juni 1933 in Berlin-Wilmersdorf sollte die Behörden darüber informieren, daß Jehovas Zeugen friedliche, ordnungsliebende Staatsbürger sind, die keine Bedrohung für irgendeine Regierung in der Welt darstellen. Eine Resolution und Petition wurde an den "Herrn Reichskanzler" und sein Kabinett formuliert, die Aufhebung der bestehenden lokalen Verbote zu veranlassen, wobei das Papier deutlich machte, daß nur von Gott Jehova "Heil" kommen und er allein die edlen Ziele verwirklichen kann, die sich die deutsche Regierung zum Wohl ihrer Bevölkerung, die seit dem verlorenen Krieg viel leiden muß, lobenswerter Weise zum Ziel gesetzt hat. Vergeblich – der Preußische Verbotserlaß trägt das Datum vom 24. Juni 1933. Und mit der millionenfachen Verbreitung der Resolution in Traktatform gleich nach dem Kongreß setzten Verhaftungen und Einweisungen von Zeugen Jehovas in die frühen Konzentrationslager ein. Die Polizei schloß die große Wachtturm-Druckerei in Magdeburg und ließ große Mengen ihrer Literatur am Stadtrand verbrennen.

Als sich rechtliche Maßnahmen der Verteidigung als zwecklos erwiesen, folgten an Hitler Protesttelegramme aus dem Ausland und Protestbriefe aus dem Inland (1934), zwei bemerkenswerte reichsweite Flugblattaktionen (1936 und 1937) und schließlich die Veröffentlichung von zahllosen Augenzeugenberichten über Wahlterror, Kindesraub, KZ-Einweisungen, Mißhandlungen und Morde durch die Nationalsozialisten in dem Buch "Kreuzzug gegen das Christentum" (1938) und bis 1939 durch Artikel im Schweizer "Goldenen Zeitalter" (1922–1937) bzw. "Trost" (1938–1946). Es kam zu Verhaftungswellen und vielerorts zu Bibelforscher-Gruppenprozessen, und Parteigliederungen, Behörden, Gestapo und Justiz arbeiteten bei der Verfolgung zusammen, um Männer, Frauen und Kinder, die sich den Zeugen Jehovas verbunden fühlten, zu entrechten oder hinter die Mauern von Kinderheimen, Heilanstalten, Gefängnissen und Konzentrationslagern zu sperren. Nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges verschärfte sich die Situation in den Haftstätten; Todesurteile für die Kriegsdienstverweigerer waren bald reine Formsache – zwischen 1939 und 1945 fanden über 250 Hinrichtungen von Zeugen Jehovas statt. Die Frauen und Männer, die sich im Untergrund an der Vervielfältigung des "Wachtturms" und seiner Verbreitung beteiligten, wurden ebenso gnadenlos enthauptet. Rund 3.500 deutsche und ausländische Zeugen Jehovas litten in den Konzentrationslagern, wo sie eine eigene Häftlingskategorie bildeten und von der SS durch einen violetten Stoffwinkel stigmatisiert und aufgrund ihrer Unbeugsamkeit besonders hart drangsaliert wurden. Dennoch setzten sie unter den extrem unmenschlichen Haftbedingungen oft die religiösen Aktivitäten in bescheidenem Maße fort. Als der Weltkrieg endete, hatte die nationalsozialistische Verfolgung über 1.400 Todesopfer unter Jehovas Zeugen in Europa gefordert. Doch viele Überlebende gingen 1945 entschlossen in die Freiheit, ihren Glauben weiter zu leben und zu verbreiten.

Mit 7.000 Verkündigern begann für Jehovas Zeugen in Deutschland die Nachkriegszeit, und bald erfreute sich die Religionsgemeinschaft erneuten Wachstums. Im Jahre 1950 übersprang die Verkündigerzahl in West- und Ostdeutschland die Marke von 50.000 (68.000 Gedächtnismahl-Anwesende), 1975 zählte man in der Bundesrepublik und West-Berlin bereits über 100.000 Gläubige. Im Jahre 2002 berichteten über 160.000 aktive Verkündiger für ganz Deutschland (273.000 Gedächtnismahl-Anwesende), doch rechnet man mit insgesamt über 210.000 Gläubigen, die der Gemeinschaft angehören.

Hervorragend organisierte internationale Massenkongresse gibt es bis heute. Vom 10. bis 14. August 1955 hörten auf der Zeppelinwiese in Nürnberg über 107.000 Personen (4.333 Neugetaufte), darunter über 4.000 Zeugen Jehovas aus der DDR, Vorträge; einige Tausend Ostdeutsche konnten den anschließenden Kongreß in der Berliner Waldbühne besuchen. In Hamburg kamen 1961 über 88.000 Personen aus 53 Nationen zusammen, 2.300 wurden auf dem Kongreß getauft. Im Sommer 1963 waren es auf der Theresienwiese in München dann über 100.000 Anwesende und 3.000 Neugetaufte (auf diesem internationalen Kongreß wurde der erste Teil der "Neuen-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift", einer von Zeugen Jehovas auf der Grundlage der biblischen Urtexte wissenschaftlich erarbeiteten Bibelübersetzung in neuzeitlicher Sprache vorgestellt). Auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg hörten am 17. August 1969 auf dem internationalen Kongreß "Friede auf Erden" eine Rekordzahl von über 150.000 Zeugen Jehovas und Besucher aus 78 Ländern den öffentlichen Vortrag. Die internationalen Kongresse "Siegreicher Glaube" in München und Düsseldorf (1978) besuchen über 117.000 Delegierte. Auch auf den jährlichen Bezirkskongressen werden unter großem Beifall oft neue Wachtturm-Veröffentlichungen, wie Bücher, Broschüren, Tonkassetten und Videos vorgestellt.

Bis zum DDR-Verbot durch die Kommunisten im August 1950 blieb Magdeburg die Zentrale der Zeugen Jehovas, danach wurde ein bestehendes Büro in Wiesbaden und die Druckerei erweitert und dort 1952 eine der Magdeburger Rotationsmaschinen, 1958 eine zweite und 1968 eine dritte "Rota" aufgebaut. In Berlin bestand von 1955 bis 1961 ein Büro. Heute befindet sich der Sitz der Wachtturm-Gesellschaft in Selters/Taunus (seit 1984) und der Sitz der Religionsgemeinschaft in Berlin.

Die Religionsgemeinschaft erhielt am 7. Dezember 1921 Rechtssicherheit als der Reichsrat beschloß, die Wachtturm-Gesellschaft als rechtsfähigen ausländischen Verein in Deutschland anzuerkennen. Ihre Gemeinnützigkeit bestätigte der Preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung am 8. November 1922, ebenso durch das Magdeburger Finanzgericht (1928) sowie durch Finanzbehörden in Magdeburg (1946), Wiesbaden (1954) und Frankfurt/Main (1964).

Zunächst hatte die "Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher" (1910–1926) als nicht eingetragener Verein die Interessen der Religionsgemeinschaft wahrgenommen, im Laufe der Zeit waren es verschiedene eingetragene Vereine: Internationale Bibelforscher-Vereinigung (1927–1933, 1945), Jehovas Zeugen, Internationale Bibelforscher-Vereinigung e.V., Deutscher Zweig (1946–1956), Wachtturm, Bibel- und Traktat-Gesellschaft, Deutscher Zweig (1956–1999), Wachtturm, Bibel- und Traktat-Gesellschaft der Zeugen Jehovas, Deutscher Zweig (1999 ff.) und Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Deutschland (1989, 1993–1999, seit 1999 e.V.).

In der DDR erlebten Zeugen Jehovas, die von 1950–1990 einer staatlich verbotenen Religion angehörten, erneut Verfolgung, Repressalien und Haft für ihren Glauben, darunter sogar über 300 körperlich geschwächte NS-Opfer. Am 3. und 4. Oktober 1950 fand vor dem Obersten Gericht der DDR ein Schauprozeß gegen neun Zeugen Jehovas statt. Von 1950 bis 1961 wurden 2.300 Zeugen Jehovas zu schweren Zuchthausstrafen verurteilt, und von 1962 bis Mitte der 1980er Jahre waren es rund 2.700 Personen, fast ausschließlich Wehrdienstverweigerer. Insgesamt sperrten die DDR-Behörden 5.000 Zeugen Jehovas ein (rund 60 Personen starben während oder kurz nach der Haft). Bis zum Ende des SED-Regimes mußten die über 20.000 Gläubigen mit Bespitzelungen und sozialen Nachteilen rechnen. Nachdem die Zerstörung durch brachiale Gewalt mißlang, ging das Ministerium für Staatssicherheit dazu über, der Religionsgemeinschaft mit Mitteln der "Zersetzung" und Desinformation zu schaden. Im März 1990 anerkannte der Ministerrat der DDR Jehovas Zeugen als Religionsgemeinschaft, und nach der Wiedervereinigung baten Jehovas Zeugen im Oktober 1990 um Bestätigung ihrer Rechtsstellung als Körperschaft des öffentlichen Rechts, was das Land Berlin bis heute ablehnt. Seit über zehn Jahren führen Jehovas Zeugen daher einen Rechtsstreit um Gleichstellung mit anderen anerkannten Kirchen, den sie am 19. Dezember 2000 vor das Bundesverfassungsgericht führte, das ein durchaus positives Urteil fällte und der Glaubensgemeinchaft unter anderem Rechtstreue bescheinigte. Das Bundesverfassungsgericht wies den Fall an das Bundesverwaltungsgericht zurück, welches seinerseits am 17. Mai 2001 an das Oberverwaltungsgericht zurückverwies. Der Ausgang des Verfahrens ist abzuwarten.

Nicht zuletzt im Rückblick auf die vielen Zeugen Jehovas, die das Reichskriegsgericht hinrichten ließ, entstand 1949 in der Bundesrepublik Deutschland der Artikel 4 [Abs. 3] des Grundgesetzes, Glaubens- und Gewissensfreiheit, wo das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung verbürgt wird. Nach Wiedereinführung der Wehrpflicht (1956) und des Zivildienstes kam es gegen Zeugen Jehovas zu Hunderten von Strafprozessen wegen Verweigerung des gesetzlich vorgesehenen zivilen Ersatzdienstes für anerkannte Kriegsdienstverweigerer, die mit Gefängnisstrafen zwischen vier Monaten und einem Jahr endeten. Zum Beispiel erhielt 1960 ein Zeuge Jehovas – seine Mutter mußte mit ihm aus der DDR fliehen, sein Vater war 1944 als Dienstverweigerer hingerichtet worden – sechs Monate Gefängnis als anerkannter Kriegsdienstverweigerer, weil er den zivilen Ersatzdienst ebenfalls aus Gewissensgründen ablehnte. Die bundesdeutschen Richter bestraften viele Zeugen Jehovas sogar mehr als einmal, wobei sie "ihrem Strafterror Beugecharakter zumaßen und dessen Wiederholung ohne Ende ankündigten" (Heinrich Hannover). Am 7. März 1968 erklärte das Bundesverfassungsgericht die Doppelbestrafung von Zeugen Jehovas für unzulässig. Die Einfügung von Paragraph 15a Zivildienstgesetz (1969) bot den Verweigerern die Möglichkeit, durch ein freiwillig gewähltes Arbeitsverhältnis in einer Kranken- oder Heil- und Pflegeanstalt eine mit ihrem Gewissen durchaus vereinbare karitative Arbeit zu leisten, was zahllose Zeugen Jehovas auch in Anspruch nahmen. Ab 1996 gingen die meisten Zeugen Jehovas weltweit dazu über, "Zivildienst" (nichtmilitärische Dienstpflichten) zu leisten, soweit diese Verpflichtung der Allgemeinheit dient und ihre "christliche Neutralität" nicht gefährdet.

Nach der Veröffentlichung der Videodokumentation "Standhaft trotz Verfolgung – Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime" (1996) setzte eine intensive historische Forschungs- und Erinnerungsarbeit unter Jehovas Zeugen in Deutschland und in Nachbarländern ein. Dazu gehörten öffentliche Vorführungen, Ausstellungen und Zeitzeugengespräche, die weit über eine halbe Million Menschen allein in Deutschland besuchten. Die Wahrnehmung der Verfolgung von Zeugen Jehovas in beiden deutschen Diktaturen durch Sonder- und Dauerausstellungen, Memorialtafeln, Medienberichte und Fachveröffentlichungen hat seitdem erfreulich zugenommen. Die Landtage von Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg gaben im Rahmen des Gedenktages am 27. Januar 2003 der NS-Opfergruppe der Zeugen Jehovas besonderen Raum, und die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) eröffnete am 27. August 2003 in ihrem Haus eine Sonderausstellung über die Verfolgung der Zeugen Jehovas unter beiden deutschen Diktaturen.


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