Johannes Wrobel: Überblick zur Geschichte der Zeugen Jehovas in der SBZ / DDR 1945-1990, in: Gabriele Yonan (Hg.), Im Visier der Stasi - Jehovas Zeugen in der DDR, Niedersteinbach 2000, S. 24-29. Inhaltsverzeichnis des Sammelbandes ...

Die Anmerkungen und Quellen sind nur im gedruckten Exemplar zu finden.


Geschichte der Zeugen Jehovas in der SBZ/DDR 1945–1990

1945. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges kehren viele Zeugen Jehovas aus Konzentrationslagern und Haftanstalten zurück (Mai).[1] Sie wiederbeleben die alten Gemeinden (Versammlungen) oder gründen neue und vervielfältigen – nunmehr in Freiheit – ihre religiösen Schriften. Der Alliierte Kontrollrat gibt in seiner "Proklamation Nr. 2 an das deutsche Volk!" bekannt, daß "niemand auf Grund von Rasse, Farbe, Glauben" belästigt oder diskriminiert werden darf (20. September). Die Organisation der Zeugen Jehovas kann sich zunächst auch in der sowjetischen Besatzungszone ungehindert betätigen.[2]

1946. Der Oberfinanzpräsident in Magdeburg verfügt, daß die Wachtturm-Gesellschaft (Verlagsgesellschaft der Zeugen Jehovas) als gemeinnützige Körperschaft von der Körperschafts- und Vermögenssteuer befreit ist (19. März). Die Militärkommandantur spricht für das Stadtgebiet Chemnitz ein (kurzfristiges) Verbot der Zeugen Jehovas aus (11. Juni).[3] Wegen Nichtbeteiligung an der Wahl entziehen einzelne Behörden Zeugen Jehovas den Status "Opfer des Faschismus" (O.d.F.) und damit Vergünstigungen wie höhere Lebensmittelzulagen (August).[4] Die Landesverwaltung Sachsen (Wirtschaft und Arbeit, Soziale Fürsorge) weist darauf hin, daß die Aberkennung des O.d.F.-Status bei Zeugen Jehovas nicht rechtens ist, auch wenn sie sich an "der Wahl oder Volksabstimmung" nicht beteiligt haben (4. September).

1947. Das Referat für Kirchenfragen in Sachsen bittet die Stadt- und Landkreise "um Berichterstattung über die Tätigkeit der Kirchen und sonstigen Religionsgesellschaften" (21. Januar).[5] Eingabe der Zeugen Jehovas an die oberste sowjetische Militärbehörde in Berlin; Grund sind die in der Zeit von Oktober 1945 bis Februar 1947 durch örtliche Stellen erfolgten 82 Verbote und 42 Verhaftungen sowie die sonstigen Beeinträchtigungen, Gewalttätigkeiten, Verweigerung von Räumen, Diskriminierungen und Verweigerungen von Druckgenehmigungen in der Ostzone (28. Februar). Obgleich in den für das Referat für Kirchenfragen in Sachsen eingehenden Berichten "das Anwachsen und der Einfluss der Bibelforscher [Zeugen Jehovas] … allgemein festgestellt" werden, sind keine Schwierigkeiten zwischen ihnen und "den örtlichen Selbstverwaltungsorganen" bekannt geworden (21. April). Die Sowjetische Militäradministratur Deutschland (SMAD) bestätigt schriftlich, daß Jehovas Zeugen zugelassen sind (24. Juli). Die Watch Tower Society (Wachtturm-Gesellschaft) in Magdeburg gibt den ostdeutschen Gemeinden bekannt, daß "Jehovas Zeugen als Religions-Organisation in der Sowjetzone anerkannt" und "für biblische Vorträge keine Erlaubnis notwendig (Major Wassilijew)" sei (1. August). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), eine der beratenden kirchlichen Instanzen der Behörden, fordert alle Landeskirchen auf, einen genauen Bericht über "Sekten" zu schreiben.[6]

1948. Die Landesregierung Sachsen erhält von Spitzeln Material über Jehovas Zeugen, das den Vorwurf der "Zersetzungspropaganda" und "Kriegshetze" erhebt; die Landesregierung bittet um weitere Berichte (8. Mai). Auf Anweisung der Zentralkommandantur Leipzig werden alle Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas in Leipzig gesperrt, bis eine verhängte Geldstrafe von 3 000 RM bezahlt worden ist (April); es wird behauptet, daß Jehovas Zeugen sich "gegen unseren heutigen Staat auflehnen". Der Stadtrat zu Hohenstein-Ernstthal teilt dem Kreisrat (Kulturamt) in Glauchau mit: "Die Tätigkeit der Bibelforscher richtet sich insofern gegen die Zielsetzung des demokratischen Staates, als die Anhänger der Bibelforscher jeder politischen Tätigkeit aus dem Wege gehen" (25. Mai). Da die sowjetischen Behörden keine Genehmigung für einen Kongreß in Leipzig erteilen, halten Jehovas Zeugen ihren Kongreß in der "Waldbühne" in West-Berlin ab (27.–29. August). Die Deutsche Verwaltung des Innern übernimmt die landesweite Überwachung der Zeugen Jehovas und anderer Kirchen (September);[7] die Überwacher stellen zunächst fest, daß in den gottesdienstlichen Zusammenkünften der Zeugen Jehovas "keine antidemokratische Propaganda" stattfindet (Dezember).

1949. Es gibt erneute Anzeichen dafür, Zeugen Jehovas den Status "Opfer des Faschismus" (O.d.F.) abzuerkennen (Februar).[8] Die Überwacher in Thüringen bezeichnen Jehovas Zeugen als "aufbaufeindliche Sekte" und unterstellen ihnen "staatsfeindliche Betätigung" (Frühjahr). Die Gesamtzahl der aktiven Zeugen Jehovas ("Verkündiger") beträgt 16 960 Personen (Juni). Auf einem Kongreß in der "Waldbühne" in West-Berlin protestieren Jehovas Zeugen durch eine Resolution gegen die Verbote und Beeinträchtigung ihrer Gottesdienste im Osten Deutschlands (29.–31. Juli). Die Resolution wird auch an die Oberste sowjetische Militäradministration gesandt (3. August).[9] Das Politbüros der SED stimmt einem Zehnpunkte-Plan für "Maßnahmen gegen die Organisation 'Zeugen Jehovas'" zu, um ihre Tätigkeit zu behindern und zu überwachen (13. September).[10] Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (7. Oktober).

1950. Bildung des Ministeriums für Staatssicherheit (8. Februar).[11] Der Druck der DDR-Behörden auf Jehovas Zeugen nimmt zu. Die Volkspolizei löst regionale Kreiskongresse der Zeugen Jehovas auf (Frühjahr und Sommer). Im Namen der in der DDR lebenden Zeugen Jehovas erhält Ministerpräsident Otto Grotewohl eine Protestschrift und Petition, in der gegen Glaubenshetze, Diskriminierungen, Entlassungen und Beschlagnahmungen protestiert und um Glaubensfreiheit, Rechtsgleichheit und soziale Gerechtigkeit ersucht wird (27. Juni);[12] die Schrift wird auch an Behörden und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gesandt (10. Juli).[13] Walter Ulbricht wird Generalsekretär der Zentralkomitees der SED (25. Juli).[14] Eine Pressekampagne bereitet die Bevölkerung auf ein landesweites Verbot der Zeugen Jehovas vor. Besetzung der Gebäude der Wachtturm-Gesellschaft in Magdeburg durch das MfS und Verhaftung der meisten Mitarbeiter (30. August); die Verbotsverfügung durch den DDR-Innenminister erfolgt erst danach (31. August).[15] Landesweit werden in den folgenden Tagen über 300 Zeugen Jehovas verhaftet. Das Innenministerium läßt Zeugen Jehovas überprüfen, um ihnen gegebenenfalls den Status "Verfolgte des Naziregimes" (V.d.N.) abzuerkennen (September). Unter dem Vorsitz von Hilde Benjamin findet vor dem Obersten Gericht ein Schauprozeß gegen neun Zeugen Jehovas statt, in dem sie aufgrund Artikel 6 der DDR-Verfassung ("Boykotthetze") als Spione verurteilt und lebenslänglich oder hohe Zuchthausstrafen erhalten (3./4. Oktober).[16] Weitere Schauprozesse und Verurteilungen folgen im gesamten Gebiet der DDR.

1953. Die bloße Zugehörigkeit zu "einer verbrecherischen Organisation", so Vertreter des Obersten Gerichts und des Justizministers, stelle einen Angriff auf die sozialistische Ordnung dar und sei strafbar. Wenn ein Zeuge Jehovas beim Missionieren verhaftet wird, kann dies hohe Zuchthausstrafen zur Folge haben. Auch der Besuch eines öffentlichen Kongresses der Zeugen Jehovas in West-Berlin wird abgestraft.[17]

1954. Die Zahl der inhaftierten und verurteilten Zeugen Jehovas wächst weiter an. Von den insgesamt 2 000 inhaftierten Personen sind noch 1 283 eingesperrt.[18]

1955. Der DDR-Geheimdienst legt über Erich Frost, den Leiter des westdeutschen Zweigbüros der Zeugen Jehovas, eine Charakteristik an, die voller Unterstellungen ist (28. Juni).[19] In West-Berlin beginnt ein Zweigbüro der Zeugen Jehovas seine Tätigkeit (bis 31. August 1961), um "eine enge organisatorische Verbindung zwischen West-Berlin und Ostdeutschland herzustellen" (1. September).[20] Um Erich Frost zu diskreditieren, setzt das Staatssekretariat für Staatssicherheit (StfS, später MfS) den operativen Vorgang "Winter" in Gang. Dabei sollen Gestapo-Dokumente, die als "kompromittierend" für Frost interpretiert werden, zum Einsatz kommen (3. November).[21]

1956. Das MfS ersinnt "die Anwendung neuer Methoden in der Bekämpfung" der Zeugen Jehovas mit dem Decknamen "Zerfall"; unter anderem sollen ehemalige Gläubige zur Mitarbeit gewonnen und Desinformation verstärkt angewandt werden (13. Februar). Auf Erich Frost ist ein geheimer Informator (GI) angesetzt worden, der ihn über die Existenz der Gestapo-Dokumente informiert, doch Frost bleibt unbeeindruckt – die bei seinem Verhör genannten Namen waren der Gestapo längst bekannt (12. Juli).[22]

1957. Vom Mai 1956 bis Januar 1957 sind 375 Zeugen Jehovas aus den Zuchthäusern entlassen worden; 938 Personen befinden sich noch in Haft.[23] Während des Jahres sind 50 Zeugen Jehovas verhaftet worden.[24] Das MfS führt im Herbst und Winter im Rahmen der Aktion "Zerfall" überraschend und gezielt Hausdurchsuchungen und Festnahmen durch, um Zersetzung und Verunsicherung in die Reihen der Zeugen Jehovas zu tragen.[25]

1958. Das Oberste Gericht der DDR bestätigt, daß die Zugehörigkeit zu Jehovas Zeugen den Tatbestand der "Spionage" und der "staatsgefährdenden Hetze" erfüllt (28. Februar).[26] Das angeblich "kompromittierende Material über Frost" wird vom MfS in einer Broschüre zusammengefaßt, um sie "bei einer günstigen Situation unter den 'Zeugen Jehovas' in Westdeutschland und der DDR" zu verbreiten (April).[27] Die Haftzahlen erreichen nicht mehr die Ausmaße der frühen Verfolgung, doch werden in diesem Jahr 77 Zeugen Jehovas inhaftiert;[28] insgesamt befinden sich 440 Zeugen Jehovas in DDR-Gefängnissen.[29]

1959. Da die Aktion "Zerfall" (wahllose Verhaftungen) Schwächen zeigt, leitet das MfS Anfang des Jahres die Aktion "Zentrum" ein, um bis Ende 1960 "die illegale Organisation 'Zeugen Jehovas' in der DDR im wesentlichen (zu) zersetzen", wobei nur noch führende Funktionäre verhaftet und als Mitarbeiter gewonnen werden sollen. Die Zahl der Neuinhaftierten steigert sich jedoch noch einmal auf 128 Personen.[30] In Gera wird ein Bäckermeister wegen seiner Zugehörigkeit zu Jehovas Zeugen zu 4 Jahren und 3 Monaten Zuchthaus verurteilt, obgleich er aus dem gleichen Grund bereits 1950 zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war.[31]

1960. In einem "Gnadenakt" aus Anlaß des Todes Wilhelms Piecks und der Gründung des Staatsrates der DDR werden viele politische Häftlinge, darunter einige Zeugen Jehovas, entlassen (September).[32] Während des Jahres sind 97 Zeugen Jehovas verhaftet worden; 468 Personen befinden sich in Gefängnissen und Zuchthäusern; 33 von ihnen sind im Jahr des Verbots (1950) zu 12 bis 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden, zwei von hatten "lebenslänglich" erhalten.[33]

1961. Unter der Überschrift "Väterchen Frost" veröffentlicht "Der Spiegel" unkritisch vom MfS zugespielte Gestapo-Dokumente über Erich Frost (Operativer Vorgang "Winter"), die als "Verrat" interpretiert werden (19. Juli).[34] Nach dem Mauerbau sind Jehovas Zeugen in der DDR vom Zweigbüro in West-Berlin abgeschnitten; nur noch einzelne Wachtturm-Schriften erreichen sie aus dem Westen (August). Doch schon bald sind die Gemeinden in der DDR neu organisiert, und es werden einfache Geräte zur Vervielfältigung der biblischen Literatur gebaut. Das MfS verliert den Überblick über die neue Organisation.[35] Bis September sind noch immer 265 Zeugen Jehovas in Haft; 46 Personen sind in den letzten 12 Monaten verhaftet worden.[36]

1962. Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (24. Januar). Das MfS macht Pläne, die Zersetzungs- und Oppositionsarbeit gegen Jehovas Zeugen zu koordinieren und zu verstärken (10. Februar).[37]

1963. Das MfS ruft den "Ordnungsvorgang 'Sumpf'" ins Leben, um den vollen Kenntnisstand über die Leitung der Zeugen Jehovas in der DDR wiederzuerlangen und sie auf einen Schlag zu verhaften (März).[38] Das Hauptaugenmerk des MfS liegt nicht mehr auf der Verhaftung, sondern auf der Erfassung der übrigen Zeugen Jehovas.[39] Während des Jahres werden nur 15 Zeugen Jehovas in Haft genommen, eine Anzahl nach längerer Haftzeit entlassen.

1964. Einführung der "Bausoldaten" als Dienst ohne Waffe (7. September),[40] was von Jehovas Zeugen allerdings nicht als Alternative angesehen wird. 142 Zeugen Jehovas werden wegen Wehrdienstverweigerung verhaftet (November) und in Arbeitslager gebracht.[41] (Die letzten drei Monate ihrer Haftzeit werden sie in der Haftanstalt Bautzen I, dem "Gelben Elend" verbringen.)[42]

1965. Das MfS schlägt zu: Verhaftung von 15 Zeugen Jehovas, die man als leitende Funktionäre ansieht, und Anordnung von landesweiten Hausdurchsuchungen (November). Man verspricht sich davon eine Lahmlegung der Glaubensgemeinschaft.[43] Die Beobachtung und Belästigung von Zeugen Jehovas durch das MfS nimmt weiter zu; zu den Methoden gehören neben Spitzel, Haussuchungen und Vernehmungen, auch Abhöranlagen in Wohnungen und Privatautos sowie zermürbende Diskriminierung im DDR-Alltag.[44]

1966. Gegen die 15 angeblich leitenden Funktionäre, die sogenannte "illegale Leitung der Zeugen Jehovas", finden Prozesse statt, wobei langjährige Freiheitsstrafen verhängt werden (Juli/August, Dezember).[45]

1967. In einer "Richtlinie zur weiteren Bearbeitung der Sekte 'Zeugen Jehovas'" des MfS wird der Eintritt einer "gewissen Zersetzung" bereits als "voller Erfolg" gewertet, was unterstreicht, daß der letzte Versuch (im November 1965), die Glaubensgemeinschaft durch Verhaftungen zu zerschlagen, fehlgeschlagen ist. Das MfS konzentriert sich von nun an, neben der bislang praktizierten flächendeckenden Überwachung, auf die langfristige "Zersetzung".[46] Zur Strategie der "Zersetzung" gehört der Einsatz ehemaliger Zeugen Jehovas, die durch gezielte Falschinformation für die realistische Darstellung der Glaubensgemeinschaft in Ost und West eine negative Wirkung haben sollen.[47] Als Hauptinstrument des MfS wird dazu der in Gera gegründete Verein "Christliche Verantwortung" (CV) benutzt.[48]

1969. Im Laufe des Jahres werden die meisten der im Juli 1966 verurteilten Zeugen Jehovas überraschend freigelassen und in den Westen abgeschoben.[49] Trotz des konzentrierten Einsatzes "vorhandener IM" (inoffizielle Mitarbeiter) – so eine Bilanz des MfS, Referat III, zum 20. Jahrestag der DDR – konnte die Organisation der Zeugen Jehovas nicht zerschlagen und die Einfuhr biblischer Literatur aus dem Westen nicht unterbunden werden (Oktober).[50]

1970. Im Urania-Verlag der DDR erscheint ein Buch, das als "Dokumentation" über Jehovas Zeugen bezeichnet wird und in dem sie als "kapitalistische Agenten" und "Untergrundorganisation" vorgeführt werden.[51] In dem Machwerk des MfS, das kurz darauf auch im Westen erscheint, werden die Diffamierungen gegenüber Erich Frost und anderen Zeugen Jehovas wiederholt.[52] Viele Historiker und kirchliche Kreise im Westen benutzen das Buch unkritisch als Quellenwerk.[53]

1971. Entmachtung Walter Ulbrichts; die Ära Honecker beginnt (Mai).[54] Die Volkspolizei belegt Zeugen Jehovas, die ihren Glauben öffentlich verbreiten oder sich versammeln, mit Geldstrafen oder sogenannten "Ordnungsstrafverfügungen". Diskriminierungen und Repressionen in der Schule und am Arbeitsplatz setzen sich weiter fort.[55] Das MfS weist an, den Verbindungsweg "Bastei", auf dem Berichte und Schriftenmaterial zwischen Jehovas Zeugen im Westen und Osten transportiert werden, zu zerschlagen (September).

1973. Die Leitung der örtlichen Gemeinden der Zeugen Jehovas in der DDR – dem weltweiten Muster (seit 1972) folgend – wird in die Hände von "Ältestenschaften" gelegt.

1974. Seit Juli 1964 sind in der DDR rund 1 000 Zeugen Jehovas wegen Wehrdienstverweigerung inhaftiert, jährlich etwa 100 (Dezember).[56]

1979. Der 30. Jahrestag der DDR ist Anlaß für eine Jubiläumsamnestie, auch einige Zeugen Jehovas werden entlassen.[57] In den gottesdienstlichen Zusammenkünfte erfolgen weitere Anpassungen an den weltweiten Standard der Zeugen Jehovas. So finden inzwischen auch in der DDR vier Zusammenkünfte an zwei Tagen in jeder Woche statt (außer den sogenannten "öffentlichen Vorträgen").

1982. Die Reisebestimmungen der DDR lockern sich, Verwandtenbesuche in der Bundesrepublik sind leichter möglich (Februar).[58] Die Versorgung der Studiengruppe mit Wachtturm-Literatur aus dem Westen verbessert sich etwas, obwohl die Schriften weiterhin im Land vervielfältigt werden müssen.[59]

1985. Das MfS weist an, die "Feindzentrale" in Selters/Taunus – die westdeutsche Druckerei der Zeugen Jehovas – auszuspionieren (Februar). Michail Gorbatschow wird neuer Generalsekretär der KPdSU (März). Soweit bekannt, verurteilt und bestraft die DDR-Justiz zum letzten mal einen Zeuge Jehovas wegen Wehrdienstverweigerung (August). Jehovas Zeugen in der DDR geben das "Drucken" von Wachtturm-Literatur allmählich auf, da der Bedarf an eigenen Vervielfältigungen durch die findige "Einführung" von großen Mengen an Dünndrucken aus Selters/Taunus (Westdeutschland) zurückgegangen ist.

1986. Noch im letzten gemeinsam vereinbarten "Fünfjahrplan" der sowjetischen KGB und des MfS werden unter Punkt 2.3 "Maßnahmen der offensiven Bekämpfung" des Ostbüros der Zeugen Jehovas und ihrer Zentrale in Selters/Taunus (BRD) festgelegt.[60]

1987. Im Laufe der Zeit ist die fünfte wöchentliche Zusammenkunft (biblische Vorträge) nach dem weltweiten Muster der Zeugen Jehovas auch in der DDR eingeführt worden. Die "Studienleiter" besuchen regelmäßig bis zu 20 Studiengruppen und halten dort jede Woche oder alle zwei Wochen die 45-minütigen Vorträge. In den Zusammenkünften werden von nun auch die "Königreichslieder" gesungen (mit Klavierbegleitung von Tonbandkassetten), wie dies bei den Zusammenkünften der Zeugen Jehovas weltweit üblich ist.

1988. Das MfS trifft umfangreiche Vorbereitungen, um die Durchführung des einmal jährlich stattfindenden Gedächtnismahles (Abendmahl des Herrn) der Zeugen Jehovas zu stören oder örtlich zu verhindern.[61] (Das trifft auch auf das folgende Jahr zu.)

1989. Jehovas Zeugen in Polen erhalten die staatliche Anerkennung (12. Mai).[62] Erich Honecker zu Besuch in Moskau; Gorbatschow drängt auf Reformen in der DDR (27./28. Juni).[63] Im Sommer finden internationale Kongresse der Zeugen Jehovas in Warschau, Königshütte und Posen statt (August);[64] eines der letzten Ziele des Staatssicherheitsdienstes ist die Verhinderung der Teilnahme von DDR-Zeugen daran.[65] Ungarn öffnet seine Grenzen zu Österreich für DDR-Bürger (10. September); bis Oktober kommen etwa 50 000 Menschen über diesen Weg in die Bundesrepublik.[66] Egon Krenz wird (anstelle von Erich Honecker) Generalsekretär des Zentralkomitees, kurz darauf folgt die Ernennung zum Staatsratsvorsitzender und Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates (Oktober).[67] Hunderttausende fordern bei Demonstrationen in Leipzig unbeschränkte Reisemöglichkeiten und freie Wahlen (6. November). Rücktritt der DDR-Regierung (7. November). Rücktritt des Politbüros, Wahl eines neuen Politbüros; Krenz als Generalsekretär bestätigt (8. November). Die Berliner Mauer fällt – Öffnung der Grenzen nach West-Berlin und zur Bundesrepublik (9. November).[68] Ostdeutsche Zeugen Jehovas fahren begeistert in den Westen, um sich größere Mengen Wachtturm-Literatur zu besorgen.

1990. Gründungsversammlung der "Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in der DDR" (4. März), die kurz darauf die staatliche Anerkennung erhält (14. März) und ihren Sitz in Berlin, Heiligenberger Straße 27 hat (ab 20. März). Erstmals kann Wachtturm-Literatur ohne behördliche Einschränkungen direkt in die DDR geliefert werden (30. März). Nach Jahrzehnten der Unterdrückung halten Jehovas Zeugen aus Ost und West im Berliner Olympiastadion einen gemeinsamen internationalen Kongreß ab: Am ersten Kongreßtag werden insgesamt 44 532 Anwesende gezählt; mit 4 500 Besuchern stellt Polen die größte ausländische Delegation (24.–27. Juli). Als die DDR der Bundesrepublik Deutschland beitritt gibt es 240 ostdeutsche Versammlungen mit rund 21 200 aktiven Zeugen Jehovas (3. Oktober).

–––––––––––––––––––––––––

Anmerkungen:

1–68   Siehe im gedruckten Exemplar


www.standfirm.de