IPT FOR THE 28 MINUTE EDITION -- DEUTSCH

Standhaft trotz Verfolgung -- Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime

SPRECHER: Diesen Häftlingsanzug trug einmal Helmut Knöller. Er war ein Zeuge Jehovas. Wie er wurden Tausende von Zeugen Jehovas wegen ihres Glaubens in die Gefängnisse und Lager des NS-Regimes gesperrt -- eine kleine Zahl im Vergleich zu den Millionen, die durch die NS-Diktatur umkamen. Doch fast 2 000 Zeugen Jehovas verloren ihr Leben, davon mehr als 250 durch Hinrichtung. Diese kleine Gruppe von Christen wurde von Beginn des NS-Regimes an unbarmherzig verfolgt, aber niemals zum Schweigen gebracht. Sie ließen die Welt wissen, dass nicht nur sie, sondern auch Juden, Polen und andere in die Fänge der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten geraten waren.

Die Geschichte der Zeugen Jehovas -- wie sie standhaft für ihren Glauben eintraten und mutig ihre Stimme erhoben -- kennen heute nur wenige. Diese Geschichte darf nicht verschwiegen werden.

TEIL I: EINLEITUNG UND AUSSCHNITTE DES SEMINARS

MILTON: Ich heiße Sie im Holocaust Memorial Museum herzlich willkommen. Es ist eine besondere Ehre, Sie hier als Gäste zu haben, denn Ihre Geschichte ist uns sehr wichtig.

BERENBAUM: "Heil Hitler!" kam nicht über ihre Lippen. Man muss sich einmal vorstellen, wie viel Mut es kostete, anders zu sein. Man kommt in einen Raum und hört die Worte "Heil Hitler!", und da sagt jemand: "Guten Morgen!"

KING: Ein Wachtposten sagte über die Zeugen, die in der Todeszelle sangen: "Ich könnte euch mit einer Dampfwalze überrollen, auch das würde euch nicht zum Schweigen bringen."

KING: Sie denkt, sie könnte den Glauben, die Integrität, den Mut und den Familiensinn der Zeugen Jehovas niederwalzen, was natürlich absolut unmöglich ist.

KING: Die Zeugen blieben wirklich fest, wie wir wissen, bis in den Tod.

TEIL II: DEUTSCHLAND VOR 1933

SPRECHER: Deutschland kann sich nur langsam von den Wunden des Ersten Weltkrieges erholen. Jehovas Zeugen, vor 1931 als Bibelforscher bekannt, vermitteln auf ihre Art Trost und Hoffnung, warnen aber zugleich vor dem wachsenden Militarismus. Die Magdeburger Druckerei der Watch Tower Society, "Bethel" genannt, lieferte monatlich fast 1 Million Ausgaben des Goldenen Zeitalters. Die Druck- und Verkündigungstätigkeit blieb der aufstrebenden NS-Bewegung nicht verborgen.

GARBE: Die Zeugen Jehovas machten durch Dinge von sich reden, die den Nationalsozialisten ein Graus waren.

GARBE: Sie machten dadurch von sich reden, dass sie den Kriegsdienst verweigerten, dass sie sich nicht zum Vaterland so bekannten . . .

SPRECHER: Die Nationalsozialisten behaupteten fälschlich, die Zeugen seien Kommunisten und Staatsfeinde und hätten sich mit den Juden verbündet, um die Welt zu beherrschen. 1933 kam es zum offenen Kampf.

TEIL III: DEUTSCHLAND 1933

SPRECHER: Am 30. Januar 1933 kommt Adolf Hitler an die Macht. Reichspräsident von Hindenburg ernennt ihn zum Reichskanzler. Hoffnungen auf ein neues, starkes Deutschland werden geweckt.

Das Reichstagsgebäude brennt. Die Kommunisten werden dafür verantwortlich gemacht und sofort verboten. Hitler drängt von Hindenburg zum Erlass einer Notverordnung. Das "Ermächtigungsgesetz" folgt wenig später. Mit der Macht eines Diktators setzt Hitler die Menschenrechte außer Kraft. Jeder kann festgenommen und ohne Gerichtsverhandlung inhaftiert werden. Die Nationalsozialisten haben nun ein Mittel, ihre Feinde mundtot zu machen. In einem deutschen Land nach dem anderen löst die Polizei Zusammenkünfte der Zeugen auf und verbietet das Predigen von Tür zu Tür.

POHL: Am 28. Juni erschien hier ein Trupp von 30 SA-Leuten, Braunhemden Hitlers, die dann in das Gebäude eindrangen und es besetzten. Es wurde ein Verbot erlassen.

POHL: Wir hatten, als dieses Gebäude geschlossen wurde, kein zentrales Büro mehr, sondern waren gezwungen, Untergrundarbeit zu leisten.

SPRECHER: Kurz darauf kehren die NS-Aktivisten zurück. 25 LKW-Ladungen biblische Schriften werden an die Stadtgrenze gefahren und verbrannt.

TEIL IV: DAS NS-REGIME GREIFT AN -- KLARE FRONTEN

GARBE: Wenn man es in Relationen macht, dann muss man sagen, dass der Mord an sechs Millionen Juden als Staatsverbrechen, fabrikmäßig organisiert, sicherlich in der Menschheitsgeschichte ein einzigartiger Vorgang war.

GARBE: Auch der Verfolgung von Zeugen Jehovas haftet etwas an, was das Besondere ausmacht. Sie sind mit einer sehr, sehr großen Härte und Brutalität verfolgt worden.

GARBE: Ziel war es, diese Glaubensgemeinschaft zu zerstören; es sollte kein Zeuge Jehovas mehr in Deutschland sein.

SPRECHER: Hitler gab den Leuten Arbeit. Er gab ihnen ihren Glauben an das Vaterland zurück. Man jubelte ihm als Retter zu. Doch die Zeugen konnten einem Menschen nicht das geben, was nach ihrer Überzeugung Gott zusteht. So löste ein einfacher Gruß -- "Heil Hitler!" -- einen unbarmherzigen Kampf aus. Die Zeugen weigerten sich, "Heil Hitler" zu sagen, da dies "Rettung kommt von Hitler" bedeutete. Ein Zeuge Jehovas, der in einem Walzwerk arbeitete, stand vor dieser Prüfung.

DICKMANN: Da war ich der Einzige von 2 000, der nicht die Hand hochhob und den deutschen Gruß nicht erwiderte. . . . aber jeden Tag Spießrutenlaufen, weil du rausgefordert wurdest zum deutschen Gruß, und ich sagte nur: "Guten Tag!"

SPRECHER: Kinder blieben in dieser Schlacht nicht verschont. Der sechsjährige Paul Gerhard Kusserow gehörte zu den vielen Kindern von Zeugen, die von Schülern und Lehrern unter Druck gesetzt wurden.

P. G. KUSSEROW: [Sobald ich in die Schule kam,] wurde ich konfrontiert mit dem Schulleiter und den Schülern, doch "Heil Hitler" zu sagen, die Fahne zu grüßen und Nazilieder zu singen. . . . Es war nicht schön, zur Schule zu gehen, weil man nie wusste, was kommt.

SPRECHER: Die Gestapo nahm über 800 Kinder ihren Eltern weg, weil sie Zeugen Jehovas waren. Paul Gerhard wurde zusammen mit seinem Bruder und seiner Schwester in ein NS-Erziehungsheim gesteckt.

Drei Jahre Verbot, aber die Zeugen sind noch immer tätig. Die Gestapo ruft daher ein Sonderkommando ins Leben. In einem vertraulichen Rundschreiben brüstete sie sich damit, auf einen Schlag 120 Zeugen festgenommen zu haben.

KING: Jehovas Zeugen waren unter den ersten Häftlingen, die nach Dachau in das so genannte Musterlager und in die Arbeitslager kamen. Das kann ich für 1934 und mit Gewissheit für 1935 belegen.

BREBECK: Ab 1937 bekamen die Zeugen Jehovas ein violettes Dreieck als Zeichen zugeschrieben. . . . Die Zeugen Jehovas sind die einzige Religionsgemeinschaft, die eine eigene Häftlingskategorie gebildet hat.

JACOBEIT: Und der Winkel war ja relativ groß. Man hat es also auch dann schon, man muss es einfach auch relativ weit gesehen haben -- und diese Farbe eben auch -- dieses Stigma zu der Haftgruppe.

HOLLWEG: Und bei meiner Einlieferung wurde ich auf der politischen Abteilung bewusstlos geprügelt. Und als ich wieder zu mir kam, habe ich meine Zähne ausspucken können.

SPRECHER: Die Nationalsozialisten führten auch psychologisch Krieg. Davon besessen, die Unbeugsamkeit der Zeugen zu brechen, machten sie ihnen ein ungewöhnliches Angebot. Jeder Zeuge konnte sich seine Freiheit erkaufen. Der Preis? Seine Unterschrift und sein Glaube! In den Gefängnissen und Lagern überreichte man den Zeugen wiederholt eine Erklärung zur Unterschrift. Nur wenige unterschrieben.

PÖTZINGER: Mir wurde also bei meiner Entlassung im Gefängnis, wurde mir dann ein Schriftstück vorgelegt, in dem man also die absolute Treue brechen müsste und unterzeichnen, dass man den deutschen Staat als die höchste Obrigkeit anerkennt -- und sich dann auch dem Hitler-Staat unterstellt -- und die Bibel als eine Irrlehre.

PÖTZINGER: Und da habe ich gesagt: "Das kommt gar nicht infrage!"

SPRECHER: Madame Geneviève de Gaulle, eine Nichte von General Charles de Gaulle, wurde 1944 festgenommen, weil sie der französischen Widerstandsbewegung angehörte. In Ravensbrück lernte sie Zeuginnen Jehovas kennen. Als sie im Lager eintraf, waren viele von ihnen schon seit zehn Jahren eingesperrt.

DE GAULLE: Ich hatte große Achtung vor ihnen, denn sie hätten ja von heute auf morgen freikommen können, wenn sie durch eine Unterschrift ihrem Glauben abgeschworen hätten.

DE GAULLE: Im Grunde waren diese Frauen, die so schwach und ausgemergelt aussahen, stärker als die SS, die die Macht auf ihrer Seite hatte und alle Mittel aufbieten konnte.

SPRECHER: Viele Ehepaare wurden jahrelang getrennt, wie Heinrich und Änne Dickmann. Als sie feststellten, dass sie sich beide im Lager Ravensbrück befanden, riskierten sie ihr Leben, um sich einmal zu sehen.

DICKMANN: Da wurde ich von Buchenwald . . . dem Lager unterstellt, wo Änne war . . . Und von da aus hab ich da auch Gelegenheit gehabt, meine Frau mal nach sieben Jahren zu sehen. . . . Sie musste für die SS Wäsche ans Tor bringen. Und ich hab die da abgehoben. Und dadurch hatten wir Gelegenheit, uns nach sieben Jahren mal zu sehen. Aber ohne ein Wort, denn die standen da oben auf dem Turm und passten ja auf; dann hätten sie uns ja beide aufgehangen!

TEIL V: JEHOVAS ZEUGEN ERHEBEN DIE STIMME

HESCHEL: Die Haltung der Zeugen Jehovas ist unter allen Christen in Hitler-Deutschland einmalig. . . . Sie spricht für sich selbst. Die Menschen in Deutschland wussten, wer Jehovas Zeugen waren und wofür sie eintraten.

SPRECHER: Die Olympischen Sommerspiele in Berlin -- Hitler-Deutschland zeigte sich 1936 von seiner besten Seite. Doch das war nur Fassade. Sofort nach den Spielen starteten die Zeugen eine Aktion, durch die sie die hässliche Seite des Regimes bloßstellten. Eine Resolution, die auf einem Kongress in Luzern angenommen wurde, prangerte die Verfolgung an. Im Dezember 1936 wurden an einem Abend 200 000 Exemplare der Luzerner Resolution in Deutschland verbreitet. Wenn die Nationalsozialisten eine Untergrundorganisation zerschlugen, sprang die nächste in die Bresche.

S. LIEBSTER: Nachts verhängten wir die Fenster der kleinen Wohnung, legten Deckbetten auf den Tisch und die Maschinen darauf, damit man den Lärm nicht hörte. Dort wurde Der Wachtturm übersetzt und vervielfältigt. Danach musste alles abmontiert und versteckt werden. Denn hätte die Gestapo die Sachen gefunden, so hätte das für den, dem sie gehörten, den Tod bedeutet.

HOMBACH: Aber die Gestapo hat jedes Mal gemeint, wenn sie eine Gruppe verhaftet hatte, wir seien vollständig weg. Das stimmte nicht. . . . Aber die Wachttürme sind bis zuletzt verteilt worden in ganz Deutschland.

SPRECHER: Das Buch Kreuzzug gegen das Christentum wurde 1938 veröffentlicht und erschien in Deutsch, Französisch und Polnisch. Es enthält Skizzen von zwei Lagern und viele Augenzeugenberichte aus Deutschland über die grausamen Misshandlungen der Zeugen Jehovas. Der Nobelpreisträger Dr. Thomas Mann schrieb [zweiter Sprecher]: "Auf jeden Fall haben Sie Ihre Pflicht getan, indem Sie mit diesem Buch vor die Öffentlichkeit traten, und mir scheint, einen stärkeren Appell an das Weltgewissen kann es nicht geben." Am 2. Oktober 1938 sendeten 50 Radiostationen rund um den Globus den Vortrag "Faschismus oder Freiheit" von J. F. Rutherford. Der Präsident nahm darin gegen die gemeinen Angriffe auf die Juden Stellung.

RUTHERFORD: "Das deutsche Volk liebt den Frieden. Der Teufel hat dort als seinen Vertreter Hitler zur Macht erhoben."

RUTHERFORD: "Auf unmenschliche Art verfolgt er die Juden, weil sie einst Jehovas Bundesvolk waren und den Namen Jehovas trugen und weil Christus Jesus ein Jude war."

SPRECHER: Nur einen Monat später brach der nationalsozialistische Hass auf die Juden in seiner vollen Scheußlichkeit hervor.

HESCHEL: Am 9. November 38, als über Nacht fast alle Synagogen niedergebrannt wurden, brach eine Zerstörung über das deutsche Judentum herein, die sein Ende einleitete.

POHL: [Am 10. November 1938] ging ich hier frühmorgens zur Arbeit. Und wir waren überrascht! Die ganzen Geschäfte hier waren alle zerstört! Die Fensterscheiben waren zerschlagen. Das Glas lag über die Straße zerstreut. Man ging nur über Glas. Es war der Morgen nach der "Kristallnacht".

HESCHEL: In der "Kristallnacht" nahm man 20 000 Juden fest und brachte sie ins KZ.

CONWAY: Als es daher im November 1938 zum "Kristallnacht"-Pogrom kam, was ein schockierender und augenfälliger Beweis für den Antisemitismus der Nationalsozialisten war, hüllten sich die Kirchen in Schweigen.

GARBE: Es gab nicht wenige Vertreter der Kirchen, die offen zum Judenhass aufriefen. Eine vergleichbare Situation ist bei den Zeugen Jehovas überhaupt nicht festzustellen . . .

GARBE: Für sie galt jeder Mensch gleich wert, als gleichwertig.

SPRECHER: Hunderte von Zeugen Jehovas in den Lagern sahen jetzt einen großen Zustrom von jüdischen Häftlingen. "Wie kann man nur Stillschweigen bewahren?", fragte Consolation, die englische Ausgabe von Trost.

JOHN: Sie konnten sie bestrafen, wenn sie es direkt mitbekamen, dass Bibelforscher versucht hatten, andere Häftlinge zu missionieren -- dann wurden sie bestraft. Aber gegen ihre Tätigkeiten an sich konnten sie sich nicht wehren, konnten sie nichts dagegen machen.

SPRECHER: Max Liebster wurde festgenommen und nach Sachsenhausen transportiert, weil er Jude war. Wiederholt wurden er und andere Häftlinge davor gewarnt, mit Jehovas Zeugen zu sprechen.

M. LIEBSTER: Es gab ungefähr 400 Zeugen Jehovas in Sachsenhausen. Die jungen deutschen Zeugen erhielten, sobald sie ankamen, 25 Schläge. Sie wurden hinter Stacheldraht isoliert, und der Lagerkommandant verkündete oft, dass jeder, der mit Jehovas Zeugen sprechen würde, zur Strafe 25 Schläge bekäme.

TEIL VI: NS-VERFOLGUNG ESKALIERT -- TODESURTEILE

SPRECHER: 1. September 1939. Deutsche Truppen marschieren in Polen ein. Die Welt stürzt sich in das Blutbad eines totalen Krieges. Die nationalsozialistische Regierung duldet keine Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen.

REHWALD: August Dickmann hatte den Militärdienst verweigert, und der Kommandant Baranowski, oder Spitzname "Vierkant", hatte bei Himmler die Todesstrafe beantragt. Das kam dann auch durch. Ich möchte noch erwähnen, dass der Kommandant vor der Erschießung eine Ansprache hielt. Sein Mikrofon stand ungefähr da. Einen Satz habe ich noch behalten. Er sagte: "Der Häftling August Dickmann fühlt sich nicht als ein Bürger des Deutschen Reiches, sondern als ein Bürger des Königreiches Gottes." Ein SS-Offizier im Rang eines Sturmbannführers, also vier Sterne, hat das Kommando gegeben der Erschießung. Als dann die Schüsse losgingen, fiel er dann, so lang, wie er war, um.

HESCHEL: Was, wenn sich die evangelische Kirche wie die Zeugen Jehovas verhalten hätte? Oder die Katholiken? Meiner Ansicht nach wäre die Geschichte völlig anders verlaufen.

SPRECHER: Der Zusammenhalt unter den Zeugen rettete 26 von ihnen im Lager Wewelsburg das Leben. Die 26 hatten den Militärdienst verweigert. Die SS war entschlossen, sie durch Schwerstarbeit zu Tode zu schinden.

BREBECK: Sie wurden dabei von "Kapos" und sonstigen dort hingeschickten SS-Leuten und Mithäftlingen, die sich dafür hergaben, geschlagen und angetrieben, sind zum Teil während dieser Arbeit unter den schweren Steinen zusammengebrochen, wurden mit Gewalt wieder hochgerissen.

SPRECHER: Nun konzentrierten sich die Peiniger auf den Schwächsten.

HOLLWEG: Eine Schiebekarre voll Steine, schwer beladen, musste er auf dem Appellplatz im Kreis immer rund fahren, bis er ohnmächtig zusammenbrach.

SPRECHER: Die anderen Häftlinge mussten Wasser auf ihn schütten, bis er wieder zu sich kam. Danach ging die Tortur weiter. Nach dem dritten Mal stand er nicht mehr auf. In der Annahme, der Häftling sei im Sterben, stieß der Arbeitsführer ihn mit dem Stiefel gegen die Barackenwand.

HOLLWEG: Und wir hatten dann, wie die Lichter aus waren, in der Nacht die Möglichkeit -- haben ihn an den Beinen aus dem Sichtfeld des Posten gezogen. Haben ihn warm gerieben und Essen gegeben. Am nächsten Morgen stand er wieder in der Reihe. Und keiner ist davon umgekommen!

SPRECHER: Der frühere Kirchenpräsident Martin Niemöller, einst selbst ein Häftling, zollte den Zeugen in einer Predigt Anerkennung [zweiter Sprecher]: "[Die] Ernsten Bibelforscher [sind] . . . zu Hunderten und Tausenden ins Konzentrationslager und in den Tod gegangen . . ., weil sie den Kriegsdienst ablehnten und sich weigerten, auf Menschen zu schießen."

SPRECHER: Im Zuchthaus Brandenburg fanden 2 743 Männer den Tod. Hinter einer Metalltür erwartete sie das Fallbeil -- oder der Galgen.

GÖRLITZ: Unter diesen waren auch 32 Zeugen Jehovas. . . . Ich nenne mal nur mal einen, und das ist zum Beispiel Wolfgang Kusserow. Wolfgang Kusserow, ein junger Mann, der fest zu seiner Überzeugung stand und der nicht nachgegeben hat. Er ging furchtlos hier in den Tod, in vollster Überzeugung, in diesem Leben richtig gehandelt zu haben.

SPRECHER: Horst Schmidt war unter den über 250 Zeugen Jehovas, die zum Tode verurteilt wurden. Er und zwei andere Männer saßen in der Todeszelle in Brandenburg und warteten auf die Hinrichtung.

SCHMIDT: Da hörten wir dann ein unwahrscheinliches Geklapper, Schlüsselgeklapper, und die Türen wurden auf- und zugeschlagen.

SPRECHER: Der Wächter öffnete die Zellentür und rief den ersten Mann.

SCHMIDT: Und dann guckte der Wachtmeister wieder auf seinen Zettel und las den Namen des anderen vor und auch: "Raustreten!", naja, und dann denkst du natürlich: Jetzt kommst du dran! Und er guckte auf seinen Zettel und guckt mich an und da ging die Tür wieder zu. Und dann fielst du zusammen, das ist klar!

SPRECHER: Horst Schmidt entging dem Fallbeil. Nicht so seine Pflegemutter Emmy Zehden. Sie kam in die Strafanstalt Berlin-Plötzensee, weil sie Horst und zwei weitere Kriegsdienstverweigerer versteckt gehalten hatte. Am 9. Juni 1944 wurde sie enthauptet. Heute erinnert ein Straßenname vor dem Gefängnis an Emmy Zehden.

TEIL VII: JEHOVAS ZEUGEN BLEIBEN STANDHAFT

SPRECHER: An der Kriegsfront trat eine Wende ein. Der Sturz des "Dritten Reiches" war abzusehen. Artilleriefeuer in weiter Ferne ließ viele Häftlinge auf eine baldige Befreiung hoffen. Da die deutsche Front vor dem Zusammenbruch stand, ließ die SS die Lager räumen und zwang die Häftlinge, nach Westen und Süden zu marschieren. Joseph Schön erlebte den Todesmarsch nach Dachau.

SCHÖN: Mit ihren Gewehren hämmerten sie gegen die Türen. "Raus! Raus!" Das war der Beginn des Todesmarsches. Und sie sagten zu uns: "Keiner von euch wird dem Feind übergeben!" Das bedeutete, dass sie uns vorher erledigen wollten. Jeder, der zu schwach war, weiterzugehen, wurde erschossen.

SPRECHER: Vor der Preisgabe der Wewelsburg plante die SS, alle 42 Zeugen Jehovas umzubringen. Warum? Die Zeugen wussten, wo die SS einige der in ganz Europa geraubten Kunstschätze versteckt hielt. Plötzlich begannen die Alliierten, Wewelsburg zu beschießen. Die SS floh. Max Hollweg versteckte sich mit zehn anderen Häftlingen im Nordturm der Burg -- genau an dem Ort, den Himmler als zentrale SS-Kultstätte ausersehen hatte.

HOLLWEG: In diesem Schacht haben wir uns versteckt, denn da lag jetzt eine drei Meter dicke Mauer davor, und dann haben wir gewartet, bis es dunkel war. Da war die SS weggerückt und wir waren frei!

SPRECHER: Franz Wohlfahrt erwartete, wie sein Vater und sein Bruder hingerichtet zu werden. In einem KZ schrieb er 1944 ein Abschiedsgedicht -- in Gedanken bei seiner Mutter, seiner Verlobten und seinen Glaubensbrüdern:

WOHLFAHRT: "Ich bleibe fest in meinem Glauben, wenn die Welt auch höhnt und schreit; ich bleibe fest in meinem Hoffen, auf eine schöníre, bessíre Zeit.

Ich bleibe fest in meinem Lieben, wenn auch die Welt mit Haß mirís lohnt; ich bleibe fest in meiner Treue, wenn auch die Welt der Untreuí front.

Von Gottes Wort fließt die Kraft der Starken, die auch aus Schwachen Kämpfer macht; ich bleibe fest durch Gottes Gnade, ich bleibí es nicht aus eigener Kraft.

Ich bleibe fest, giltís auch mein Leben; und gebí ich meines Odems Rest, ihr sollt vom letzten Hauch noch hören: Ich bleibe fest, ich bleibe fest, ich bleibe fest."

SPRECHER: Diese Worte gaben die Entschlossenheit Tausender Zeugen Jehovas wieder -- der lebenden und der toten --, die unter dem NS-Regime standhaft blieben trotz bitterer Verfolgung.